Die Euskirchener „Nachfolgerin“ von Edith Stein wurde als
„Maria Carmela“ eingekleidet

von Hans-Dieter Arntz
Artikel aus der Kölnischen Rundschau, Lokalteil Euskirchen, vom 14. April 1990
12.03.2007

In seiner Ausgabe Nr.18 vom 27.April 1987, Seite 84, griff das bekannte Magazin „Der Spiegel“ ein Problem auf, das auch heute noch gelegentlich diskutiert wird. Es ging damals um die Ordensfrau Edith Stein (1891-1942), deren Wirken als „neue Märtyrerin der katholischen Kirche“ offenbar kritisch beleuchtet werden sollte. Unter der Überschrift „Durch Verfälschung zur Heiligen“ sowie die Behauptung, „Eine neue Märtyrerin soll vom Versagen der Kirche in der NS-Zeit ablenken“, ging es auch um die Frage, inwiefern eine katholische Nonne jüdischer Herkunft, die dennoch als Folge des NS-Rassenwahns in Auschwitz umkam, am 1.Mai 1987 selig gesprochen werden könnte.   

Es ist zu ergänzen, dass Edith Stein am 11.Oktober 1998 von Papst Johannes Paul II. auch heilig gesprochen wurde.

Dieser Diskussion um die avisierte Seligsprechung wurde auch in der Kreisstadt Euskirchen eine besondere Bedeutung beigemessen. Hier unterrichte nämlich in den 30er-Jahren am Oberlyzeum „Sancta Maria“ der Dominikanerinnen eine Pädagogin, die später - nach dem Wechsel von Edith Stein in die Niederlande – als deren Nachfolgerin im Kölner Kloster der Karmeliterinnen galt. Es handelte sich um Helene Lieb, die als „Maria Carmela“ eingekleidet wurde. 

Als Verfasser der Chronik „Unser Weg“, die im Jahre 1978 vom Gymnasium Marienschule Euskirchen publiziert wurde, hatte ich noch jahrelang Kontakt zu den ehemaligen Schülerinnen des Oberlyzeums der Dominikanerinnen. Besonders im Jahre der Seligsprechung von Edith Stein (1987) erinnerte man sich lebhaft an die einstige Studienassessorin Helene Lieb, an deren Profess viele Euskirchener Gymnasiastinnen teilgenommen hatten. Insofern tangiert der folgende Zeitungsartikel die Philosophin und Wissenschaftlerin nur peripher, gibt aber Auskunft auf die potenzielle Frage: Was geschah in ihrem Kölner Heimatkonvent, nachdem Edith Stein 1938 in die Niederlande zu einem Karmel im limburgischen Echt wechselte?

Bei der Antwort entsteht somit indirekt ein Zusammenhang zwischen der Euskirchener Regionalgeschichte und Edith Stein, der berühmten Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz.

 

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Dr. Maria Gratia, letzte Schulleiterin des Oberlyzeums (1936-1940)
( Repros: H.- D. Arntz)
              Das Kollegium der Dominikanerinnen im Jahre 1927

    


Vor 50 Jahren wurden im Lyzeum die Kreuze von den Wänden geholt

An die Dominikanerinnen in Euskirchen erinnert heute nur noch ein Platz 

Kreis Euskirchen (14.4.1990) -  Da bis vor etwa zwei Jahrzehnten das Schuljahr mit den Osterferien endete, häufen sich heutzutage im Frühling die Klassentreffen und Schuljubiläen. Auch das Gymnasium Marienschule hätte Grund zur Rückbesinnung, wenn nicht der Anlass und die damaligen zeitlichen Umstände so beschämend gewesen wären!

Mit Wirkung zum 1. April 1940 wurde nämlich das katholische Oberlyzeum Sancta Maria in Euskirchen von den Nationalsozialisten  zur „Städtischen Mädchen-Oberschule" umge­wandelt. Die katholischen Schülerinnen sollten im neuen Geist der Machthaber unterrichtet werden. Heute erinnert  nur noch der Dominikanerinnen-Platz  an der Gansweide an das segensreiche Wirken der Dominikanerinnen vom Aremberg. Aus  der Schule ist das heutige Gymnasium Marienschule hervorgegangen.

Geist der Nazis hielt Einzug

Das Mädchengymnasium hatte damals mehr als 500 Schüle­rinnen und verschiedene Schul­zweige, eine eigene Kirche sowie ein Internat und umfasste alle Gebäude, in denen heute die bei­den Euskirchener Realschulen untergebracht sind. Der Übergang von einem privaten katholischen Oberlyzeum zu einer „Städtischen Mäd­chen-Oberschule" war symptomatisch für die politische, aber auch geistige Haltung des Drit­ten Reiches.

Während die Nonnen und Lehrschwestern in das Mutter­haus nach Aremberg zurück­kehren mussten, zog auch in die Euskirchener Schule der Geist des Nationalsozialismus ein. Die acht  Schülerinnen der neu­sprachlichen Richtung hatten ihren letzten Unterricht in der Klausur der Schwestern und bestanden zur Osterzeit die Reifeprüfung. Angehörige der Frauenoberschule erhielten jedoch ohne Prüfung das Abitur zuerkannt, damit sie sogleich kriegsdienstverpflichtet werden konnten.

Schwester M. Katharina OP (Lisbeth Pauly) erinnerte sich 1965 anlässlich ihres silbernen Abiturjubiläums an die damalige Direktorin, Mutter Maria Gratia, die 1940  im alten Schulgebäude von Raum zu Raum ging, um alle Kreuze von den Wänden zu nehmen, damit sie nicht entehrt würden. Mit dem Weggang der Dominikanerin­nen war nicht nur eine Epoche der Euskirchener Stadtgeschichte, sondern auch der reli­giösen Unterweisung und Men­schenformung vorüber.

Dominikanerinnen in Euskirchen

Schwester Chrysostoma — bis 1936 Schulvorsteherin — war be­freundet mit der 1888 in Euskir­chen geborenen Frieda Robbins geb. Saur, die als Mitarbeiterin von Professor George H. Whipp­le maßgeblich daran beteiligt war, dass der Rocheller Universitätsprofessor 1934 den Nobel­preis für Medizin erhielt.

Diese Kontakte und die Beziehungen zu der damals berühm­ten amerikanischen Pädagogin Schwester M. Fridiana vom Or­den der armen Franziskanerinnen (auch aus Euskirchen gebürtig) machten es möglich, dass in den 20er-Jahren Gelder nach Euskirchen flossen, die zum Bau der Turnhalle von „Sancta Maria" verwandt wurden. Schwe­ster Fridiana war zu jener Zeit schon Dekan des St. Francis-College in Fort Wayne und be­rühmte Schriftstellerin. An keiner Stelle der Euskirchener Stadtgeschichte wurden übri­gens diese beiden Ordensfrauen bisher erwähnt.

Auch an die letzte Schulleite­rin vom Orden der Dominikane­rinnen, Mutter Maria Gratia Störmann OP (1894-1974), erin­nern sich nur noch ältere Schülerinnen. Bei Kriegsende leitete sie in Berlin das Dominikus-Krankenhaus, rettete dort — besonders beim Einmarsch der Russen — vielen Frauen das Leben und stand in den schwe­ren Nachkriegsjahren in der großen Verantwortung einer Generalpriorin der Domini­kanerinnen.

 

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Oberprima bei der Einkleidung

Ein ganz  besonderes Verhält­nis hatte der gymnasiale Abitur-Jahrgang 1940 zu Schwester Ma­ria Carmela Lieb OCD, die bis Ostern 1939 Studienassessorin an der Marienschule in Euskir­chen war. Sie war befreundet mit der selig gesprochenen Edith Stein, deren Nachfolgerin sie im Kölner Karmel  wurde. Am Tage der Einkleidung, dem 27. Oktober 1939, war die gymnasiale Oberprima persönlich anwesend.

Helene Lieb wurde 1909 in Düsseldorf geboren, bestand dort 1928 die Reifeprüfung und studierte anschließend an den Universitäten Köln und Münster Mathematik, Biologie und Che­mie. Im Collegium Marianum in Münster, einem Studentinnenwohnheim für studierende Klosterfrauen, lernte sie 1932/33 Dr. Edith Stein kennen, die als Do­zentin am „Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik" in Münster tätig war. Hier bewohnte Edith Stein zwei Zimmer. Zu ihrem engsten Kreise gehörte Helene Lieb, die 1935 ihr Staatsexamen ablegte, aber trotz Referendariat in Düsseldorf und erster Lehrstelle in Euskirchen nie den Kontakt zu ihrer geistigen Mentorin verlor.

Wie dem Band VIII „Edith Stein, Selbstbildnis in Briefen" zu entnehmen ist, ver­tiefte sich sogar der Kontakt. Man kann sogar von einer Ver­flechtung beider Lebenswege sprechen. Nachdem Schwester Teresia Benedicta (Edith Stein) am 31.12.1938 von Köln in den Karmel nach Echt in Holland übergesiedelt war, um dem Zu­griff der Nazis zu entgehen, wur­de ein Platz frei, den die Euskir­chener Pädagogin Helene Lieb wenige Monate später einnahm.

Schwester Teresia Benedicta a Cruce OCD schrieb am 16.4.1939:

Helene Lieb habe ich gut gekannt. Wir waren ja die ganze Zeit im Marianum zusam­men. Sie war bei der Einklei­dung und beim Schleierfest, auch sonst öfters zu kurzem Be­such, hat ja auch schon lange postuliert. Unsere liebe Mutter in Köln ließ sie kurz  vor meiner Abreise kommen, um sich von mir zu verabschieden. Damals haben wir ihr nahegelegt, dass sie bald eintreten solle. Ich habe schon Nachricht, dass sie am Osterdienstag angelangt ist. Sie ist also meine Nachfolgerin!

Der 15. Oktober 1939 war auch für die katholische Marienschu­le ein Festtag. Die Dominikanerinnen nahmen an der Einkleidung von Helene Lieb, die die Ordensnamen „Schwester Maria Carmela von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit" erhielt, teil. Marienschülerinnen sorgten für die musikalische Gestaltung unter der Leitung der Musikpäd­agogin Plassmann. Katharina Giesen, Abiturientin des Jahrgangs 1940, später Rektorin und Regionalhistorikerin in Bonn, durfte die Glückwünsche aussprechen.

Noch heute ist ihr die Situation gegenwärtig: „Im Sprechzimmer saß ich vor einer doppel­ten Vergitterung; dahinter befanden sich ein Holzladen und nochmals ein schwarzer Vorhang. Die Ordensreformerin Teresa con Avila muss ihre Schwestern wohl behütet haben, denn nur von spanischen Gegebenheiten her sind diese Einrichtungen erklärbar. Ich saß vor einer schwarz verschleierten Nonne. So hatte wohl Edith Stein 1933 auch nach ihrer Einkleidung im Kölner Karmel ausgesehen."

 

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Finanzminister Schwester Carmela

Nach ihrem Noviziat legte Schwester Maria Carmela am 27. Oktober 1940  ihre ewigen Gelübde ab. In diesem Jahr wird sie auf 50 Professjahre zurückblicken können. Die Kölner Karmeliterin erwarb sich unmittelbar nach dem Kriege große Verdienste. Nachdem Kardinal Frings die Ordensfrauen ermutigt hatte, den Karmel  vor den Siebe­burgen wieder aufzubauen, wirkte sie wie „der leitende Architekt" in Planung und Aufbau, als „Trümmerfrau", Dachdeckerin und Maurerin.

Im Jahre der Seligsprechung von Edith Stein schrieb die da­malige Priorin in der katholi­schen Kirchenzeitung über die Euskirchener Pädagogin und Mitschwester: „In der Nachkriegszeit spielte sich unser Leben zwischen Mehlsuppe, Pellkartoffeln, Chorgebet und Steine klopfen ab. Viele Jahre hindurch war Schwester Carmela Finanzminister des Hauses, bei ihrer mathematischen Begabung leicht verständlich!"

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