GLEHN – Anmerkungen zum angeblichen Judenfriedhof (09.07.2026) - Ein vielleicht wichtiger Vergleich mit dem benachbarten Eifelort Bleibuir

von Hans-Dieter Arntz
9. Juli 2026

In unmittelbarer Nähe des etwa 500 Einwohner zählende Dorfes GLEHN  (Stadtteil von Mechernich in der Eifel) sollen demnächst ungewöhnlich hohe Windräder gebaut werden, was die Bevölkerung ablehnt. Ein WEA-Projektierer beabsichtigt - auf dem Gelände westlich und nordwestlich der Ortschaft Mechernich-Glehn - die Errichtung eines Windparks mit sechs 250 Meter hohen Windanlagen. Ein wichtiges Argument der lokalen Bevölkerung ist u.a. einer beigefügten Landkarte aus dem Jahre 1808 (Archiv Stadt Mechernich) zu entnehmen.

GLEHN (Mechernich) -- Angeblicher Judenfriedhof  („gondenfriedhof“)

Auf dieser französischen Vermessungskarte wird die Fläche phonetisch als „open goudenkirchof“ oder „gondenfriedhof“  bezeichnet, was als ein bedeutsames Argument interpretiert wird: Inhaltlich und sprachlich scheint es sich tatsächlich auf einen ehemaligen jüdischen Friedhof zu beziehen, der allerdings schon in napoleonischer Zeit aufgegeben wurde und bis heute absolut keine Spuren mehr hinterlassen hat.  

Intensiv hat die „Interessengemeinschaft Gegenwind Glehn“ zum hier erwähnten „Oberen Judenfriedhof“ recherchiert. Demnach befand er sich westlich der Ortschaft, ist jedoch heute nur noch als unklare Flurbezeichnung vorhanden. Dass es seit mehr als 200 Jahren keinen weiteren Nachweis mehr gibt, begründete man damit, dass die Kartografen Napoleons der deutschen Sprache kaum mächtig waren – und des Eifeler Platts erst recht nicht. Es gibt sprachliche Probleme bei der nun aktuellen Deutung!

Die französischen Militär-Kartografen hätten damals vielleicht die örtlichen Flurnamen nur nach Gehör notiert. Wahrscheinlich wäre tatsächlich ein „Oberer Judenfriedhof“ schon im 18. Jahrhundert - allerdings ungewöhnlich kurzfristig - angelegt worden, ehe er sehr schnell und aus sicher interessanten Gründen nach Kommern, Mechernich oder gar später nach Bleibuir verlegt wurde. Hierzu werde ich an späterer Stelle Wichtiges ergänzen.

Der hierzu von mir befragte ostbelgische Professor Leo Wintgen wies allerdings auch auf sprachliche Missverständnisse hin und erklärte mir, dass eventuell nicht „Judenfriedhof“, sondern durchaus eine entdeckte, römisch oder keltische Opferstelle gemeint sein könnte. In diesem Zusammenhang ist meiner Meinung nach auch interessant, dass vor etwa 25 Jahren der Bergheimer Heimatforscher Heinrich Klein (Woenge.de) den sprachlichen Nachweis versucht hat, Hinweise auf Judenfriedhöfe als unerkannte keltische oder römische Einrichtungen in der Eifel zu interpretieren. Dabei konnte er sich auf wissenschaftliche Ergebnisse stützen.

Man sollte vorerst dabei bleiben, dass "(o)upen Goudenkirchof" tatsächlich ein Flurname in der Eifel ist, der sehr wahrscheinlich aus dem lokalen Dialekt (Platt) stammt und hochdeutsch als „Judenkirchhof“ (oder Juddekirchhof) bekannt ist. 

Andererseits gibt es Theorien, dasß im Gegensatz zu dem, was der Name eigentlich vermuten lässt, dieser Begriff überhaupt nichts mit dem jüdischen Glauben oder einem Friedhof zu tun haben könnte. Hier sind die wichtigsten Argumente dazu:

Prof. Wintgens ließ mich jedoch beruhigend wissen:

Meines Erachtens handelt es sich hier doch um eine mundartliche Formulierung der Örtlichkeit. Hier trifft aber scheinbar auch das niederfränkische bzw. niederländische "gouden" auf, dann wohl sogar in der unklaren Bedeutung "fruchtbar". 

Ich würde hier folglich /op-ene jölde Kérekef/ oder aber /op-ene Jüdekérekef/ lesen. Auch in Eupen gibt es nämlich eine "Judenstrasse". Weiteres lässt sich finden bei: Heinrich Dittmaier "Rheinische Flurnamen" (Bonn 1963), S. 123 (neben jüdischen Begräbnisstätten auch ältere Liegenschaften und Fundorte) ...“

Schon immer hat es Probleme bei der historischen Deutung zeitlich begrenzter Straßen- oder gar Flurbezeichnungen gegeben.

Abenteuerliche Interpretationen führten zu Missverständnissen.

Dass es sogar auch heute noch im Münstereifeler Stadtteil Rodert einen „Judenweg“ gibt – nur wenige hundert Meter von Hitlers Führerhauptquartier (1940) entfernt – hat offenbar bisher niemanden gestört oder zur Interpretation und gar Deutung angeregt, denn in Rodert haben nachweislich nie Juden gelebt. Wie mag eigentlich diese bizarre Situation in den nächsten Jahrhunderten interpretiert werden???

Es scheint auch im Fall Glehn der Fall zu sein, dass fachspezifische Kompetenzen aufgefordert sein sollten, sich doch detaillierter mit dem diskutierten Areal zu befassen. Tatsache ist nun aber ohne Zweifel, dass französische Militär-Kartografen im Jahre 1808 eine offenbar wichtige Lokalität genau konstatierten. Das ist in anderen Fällen in dieser Form nicht immer möglich gewesen. In Wißirchen, Obergartzem oder im Euskirchener Hardtwald gab es auch derart – für zeitlich ungemein kurze Zeit – „jüdische Begräbnisstellen“, die heute meist nur versierte Regionalhistoriker nachweisen können.

Wenn Wissenschaftler regionale Flurbezeichnungen anhand sprachlicher und archäologischer Aspekte analysieren, könnten sie vielleicht die oben aufgelistete Theorie bestätigt sehen, dass Flurnamen historische, vorchristliche oder römisch-keltische Kultstätten bezeichnen. Auch ein Laie würde sich in diesem Fall an die römischen Matronensteine erinnert fühlen. Dann wäre allerdings die Parzelle bei Glehn anders zu bewerten, wenn die französischen Kartografen derartiges gemeint hätten. Ergo: Wenn auf dem Glehner Areal tatsächlich Artefakte und Relikte aus dieser Zeit gefunden würden, wäre vielleicht manche Theorie schwerlich zu halten.   

Zur gegenwärtigen Situation: Bezüglich Glehn blieb offenbar alles unverändert bis zum Jahre 2026. Der vorliegende aktuelle und amtliche ALKIS-/Katasterauszug führt das betreffende Flurstück Gemarkung Glehn, Flur 36, Flurstück 64, weiterhin mit der Lagebezeichnung „Judenkirchhof“. Die Fläche umfasst rund 49.495 qm.

Also: Doch eine Windanlage auf einem ehemals jüdischen Friedhof?

Die historische Faktenlage bleibt dünn, denn es gibt ja überhaupt keinen Nachweis für die Existenz einer jüdischen Gemeinde oder jüdischen Besiedlung in Glehn.

Man sollte es aber nur historisch-orientierten Institutionen überlassen, die Existenz eines jüdischen Friedhofs mithilfe rein sprachlicher Belege zu bezweifeln!

Der hier dargestellte Glehner Sachverhalt basiert auf der Grundlage amtlicher Kartografen und ist nie offiziell bezweifelt worden. Zwar ist meiner Meinung nach nirgendwo belegt, dass Juden vor dem 19. Jahrhundert in dem winzigen Dorf Glehn wohnhaft waren, doch kann durchaus vermutet werden, dass sie für historisch nachzuweisende Zeiten zur Infrastruktur der berühmten Mechernicher Bleigrube zählten und im Geldhandel sowie natürlich in der Fleischversorgung involviert waren.

Wie radikal schnell ein Umzug, die Auflösung einer winzigen jüdischen Wohngemeinschaft oder ähnliches in der armen und teilweise unbewohnten Eifel und Voreifel notwendig werden konnte, versuchte ich in meinem Artikel zum Thema Erinnerung an die Juden von Bleibuir – Gedanken über ehemalige jüdische Gemeinden auf dem Lande und deren Friedhöfe nachzuweisen (2008). Vgl. meine Homepage: http://www.hans-dieter-arntz.de/

Regionalhistoriker Hans-Dieter Arntz mit einem TV-Team des WDR  (Copyright Frohwein)

Den Sachverhalt konnte ich mithilfe des WDR im Jahre 2008 einer interessierten Öffentlichkeit vorstellen: Vgl. meine NEWS vom 2. September „Das WDR-Fernsehen auf dem jüdischen Friedhof von Bleibuir“ sowie vom 7. Oktober 2008 „Nur 50 Jahre: Juden in Bleibuir bei Mechernich (Auszüge aus einem Fernsehfilm)“.

Wenn man bedenkt, dass im Jahre 1866 das Eifeldörfchen Bleibuir – etwa nur 2 km von Glehn entfernt (!!) - etwa 330 Einwohner hatte, von denen 48 „Israeliten" (14,5%) waren, dann versteht man, warum hierüber in der Umgebung jahrzehntelang von einem so genannten „Judendorf" gesprochen wurde. Dann aber gab es dort keinen einzigen „Hebräer“ mehr. Interessant! Also nur Jahrzehnte später – und das in unmittelbarer Nähe der Glehner Parzelle!

Nachdem in der Bleigrube „Gute Hoffnung" von Mechernich der Ertrag allmählich zurückgegangen und andere Orte diesbezüglich interessanter geworden waren, waren die jüdischen Händler wohl gezwungen, in die größeren Ortschaften - oft direkt nach Mechernich – umzuziehen. Im Jahre 1885 zählten spontan nur noch 16 „Israeliten“ zu den 360 Einwohnern von Bleibuir. Und um die Jahrhundertwende gab es keinen einzigen Juden mehr dort, denn im Jahre 1892 hatte nämlich die Gesellschaft Neu-Schunk-Olligschläger den gesamten Betrieb eingestellt. Nachweislich waren sie alle in benachbarte Orte umgezogen. Könnte ähnliches ein Jahrhundert vorher nicht auch in Glehn der Fall gewesen sein?

BLEIBUIR -- Informationstafel (Foto wiki.genealogy.net)

Heute erinnert sich keiner mehr an die kleine jüdische Gemeinde von Bleibuir, deren Ahnherr Nathan Jacob war, der 1728 über Ripsdorf als einziger nach Bleibuir verzogen war, da er nirgendwo einen Geleitbrief erhielt, um als Händler umherziehen zu dürfen. Zwischen dem Eifelörtchen und Wielspütz erinnert allerdings heute noch ein kleiner Friedhof mit nur noch 4 Grabsteinen an die jüdische Existenz im vorletzten Jahrhundert – und das ist allerdings nach weit mehr als 200 Jahren in Glehn nicht mehr der Fall. Mehr waren in der kurzen Zeit nämlich nicht gestorben!

Daher sollte man Respekt vor dem vermuteten jüdischen Friedhof von Mechernich-Glehn haben, der offiziell vor mehr als 2 Jahrhunderten von französischen Kartografen eindeutig belegt wurde und exemplarisch dasselbe Schicksal gehabt haben könnte wie der von Bleibuir.

Zwei der 4 Grabsteine in Bleibuir  (Foto H.-D. Arntz)

Und wenn wir uns schon im Raum Mechernich befinden, so möchte ich noch abschließend noch auf einen Handriß von 1829 hinweisen (Reg. Köln Kataster Nr. 14081), der vielen ähnlichen Beispielen in der Region ähnelt. Es geht hier zum Beispiel um den unbekannten „Judenpütz“ zwischen Lechenich und Rißdorf, der ebenfalls ungeklärt ist. Selbst er ist meiner Meinung nach vergleichbar mit der wirtschaftlich bedingten Situation in Bleibuir und Glehn. Auch noch im 19. Jahrhundert empfanden bedürftige Juden die Voreifel oder gar Eifel als Zuflucht, besonders dann, wenn sie es aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen für lebensnotwendig erachteten.

Bleibuir ist meiner Meinung nach der beste Beweis hierfür!

Mundart-Erklärer Manfred Lang über den Friedhof von Bleibuir (Wochenspiegel v. 13.05.2020) 

 

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