Immer wieder auch in Euskirchen:
Jüdische Spurensuche in der ehemaligen Heimat

von Hans-Dieter Arntz
28.10.2008

Je jünger die jüdischen Flüchtlinge im Dritten Reich waren, desto nostalgischer sind manchmal heute die Gefühle bei einer Rückkehr nach Deutschland. In dieser Hinsicht ähneln sich grundsätzlich ältere Menschen, wenn sie das besuchen, was mit „ehemaliger Heimat“ bezeichnet wird. Elternhaus, Schulgebäude, Freunde oder Fotos verstärken die Dimension der Erinnerung. Das gilt auch für Ruth Breshinski (geb.1933) aus Tel Aviv, die im September die Kreisstadt Euskirchen besuchte. Das damals als „Breschinsky“ firmierende Ledergeschäft in der Wilhelmstraße 33 wurde zwar wie alle anderen jüdischen Geschäfte arisiert, aber die Familie zählte im Dritten Reich zu den so genannten „Ostjuden“, die ab dem 1. November 1938 als staatenlos angesehen werden sollte. Daher wurden c. 30.000 Juden mit polnischer Nationalität Ende Oktober 1938 zur polnischen Grenze deportiert.

AshoulaiEiner diesbezüglichen Abschiebung, aus der ja bekannterweise das Attentat von Herszel Grynspan resultierte, wollte die Euskirchener Familie Breschinsky durch eine Flucht nach Palästina rechtzeitig entgehen. Dies gelang.

Ich erinnere mich an Korrespondenzen mit jüdischen Emigranten, die auch in den 70er Jahren noch nicht bereit waren, jemals wieder deutschen Boden zu betreten. Je älter sie dann allerdings waren, desto verbitterter und wortkarger blieben sie, obwohl sie sich überwunden hatten, doch noch einmal nach Euskirchen oder in die Voreifel zurückzukehren. Meistens handelte es sich um typische „Stippvisiten“ im Verlaufe eines Urlaubs oder wegen eines besonderen Anlasses. Ich weiß nicht, ob sie dann Hass und Trauer empfanden; beides könnte ich aber verstehen. Wirklich jeder hatte Opfer in seinen jüdischen Familien zu beklagen gehabt. Der Verlust des persönlichen Besitzes schien nicht so wichtig gewesen zu sein wie das unsägliche Leid, das man im Dritten Reich und sogar später erlitten hatte.

Die Gebäude der einst „arisierten“ beruflichen Existenz im städtischen und dörflichen Geschäftsleben wurde auch schon vor 30 Jahren emotionslos „besichtigt“. Damit hatte man sich abgefunden. Misstrauisch blieben jüdische Besucher den Gleichaltrigen und Älteren gegenüber, die sie auf der Straße oft mit großem Hallo begrüßten, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Dieses Gefühl beschrieb mir einmal Fritz Juhl (Amsterdam/einst Meckenheim).  Die temporäre Distanz zu den rassistischen Exzessen war vielen jüdischen Besuchern zu nah, die Erinnerung zu stark.

Als vor etwa drei Jahrzehnten die „reunions“ aufkamen, die als Form von „Wiedersehensfeiern“  beiderseits stark beachtet wurden, entkrampfte sich bei vielen in Israel oder den USA lebenden Flüchtlingen die Einstellung zu den Deutschen. Wir haben dies so bei unserem 4tägigen Dorffest in Flamersheim 1984 dankbar  empfunden.

Zurzeit stehe ich mit einer völlig neuen Generation von jüdischen Menschen in Kontakt, deren Familien zwar ursprünglich aus Euskirchen, Mechernich, Hellenthal, Weilerswist oder Gemünd stammen, die aber meist in den 30er und dann in den 50er Jahren oder später geboren wurden. Von denen gibt es zwei Gruppen:

Zwar sprechen die meisten kaum noch Deutsch, aber viele sind genealogisch – meist durch Jewishgen -  auf dem neuesten Stand und somit besser  informiert als die regionalen Behörden oder gar Historiker. Zu den Angehörigen der zweiten Gruppe gehören Angehörige deutscher Emigranten oder Holocaust-Überlebende, deren Kontakte zum Geburtsort oder zum damaligen Wohnort der Eltern aus verschiedenen, meist nachvollziehbaren Gründen total abgeschnitten waren.

Ein sympathisches Beispiel hierfür ist die heute in Israel lebende Ruth Azoulai geb. Breschinsky (1933) aus Euskirchen, die mit ihren Eltern Max und Maria Breschinsky sowie ihrem jüngerem Bruder Isel am 23. September 1938 nach Palästina auswanderte. Damit kam die jüdisch-polnische Familie der bevorstehenden Ausweisung  zuvor. Obwohl die Angehörigen in Euskirchen lebten, wurde Tochter Ruth im jüdischen Krankenhaus Köln-Ehrenfeld, Offenbach-Straße geboren, was sie auch listenmäßig in der Domstadt  nachweisbar macht und vor einigen Wochen eine Einladung in die Domstadt ermöglichte.

 

Lederwarengeschäft Werthheim Elternhaus

Lederwarengeschäft Werthheim & Breschinsky  (1929)

Das Elternhaus (2008)

 

Den Kontakt zu Euskirchen hatte Ruth völlig verloren. Auch die hiesige Regionalhistorie hatte keine Kenntnis über das Schicksal der Kaufmannsfamilie Breschinsky, die seit Beginn der Weimarer Republik in Deutschland ansässig war. Dies hat sich nun durch Zufall geändert, und Frau Azoulai sucht jetzt nach Bekannten von ihr selber und ihren Eltern. Wörtlich schrieb sie am 24.Oktober 2008:

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Two  months ago I was invited by the Köln Municipality to join a group of Köln born people of my age. My 17 years old grandson joined me happily. This was my 2nd visit to the area I was born in, while the first visit took place is the 70s. At that time I visited Euskirchen along with my late husband. During that visit I went to see my parents' house in Euskirchen, Wilhelmstraße,  from which I remember lots of details from my childhood.

From Mr. Hans-Dieter Arntz (Euskirchen) and Dr. Becker-Jákli (NS-Dokumentationszentrum Köln) I heard many details about what happened to the Jewish community in Euskirchen and how all non-German born Jews were evacuated by mid Oct. 1938. Somehow, and I still do not know how, we left 2 weeks before the evacuation and were very lucky indeed since my father was born in Poland. For my current visit to Euskirchen I brought with me many pictures from the first years of my life, most of them were taken by my father.

Coming to Israel: I was 5.5 years old when we came to Palestine. When we arrived to the city of Haifa we stayed with our family in a small flat. My brother and I shared a room with our cousins. Since I was not familiar with the Hebrew language at that time, the children at school were not friendly to me. Since both of our parents used to work on our leather store, my brother and I had to take care of ourselves. Our father was a hard-working person and managed to promote his business. Hebrew was a lesser problem for him, since he had already learnt it at the CHEDER in Poland, where he was born. But for our mother Hebrew was difficult and eventually she finally studied regularly Hebrew when she had to communicate with her grandchildren.
Our mother used to help our father when they had to communicate in English with our Arab clients and English soldiers that came from time to time to the shop. Tragically, our father was killed in 1961 in a car accident. Our mother died 4 years ago, at the age of 100.

Ever since we came to Israel, back in 1938, our Mom missed her friends from Euskirchen. Sometimes she mentioned names of families which are familiar to me, like – Oster, Heymann and Schweizer. I can remember one visit when I was quite young to a family she was familiar with in Euskirchen. I don’t know the family’s name.

Right now I am interested to meet Jewish people of my age group, people who might remember our family or our leather store in Euskirchen. Most of all, I will warmly welcome any details regarding my forgotten childhood.

Ruth Breschinsky

Ruth Breschinsky (Mitte) mit Freundin Susi Schweizer, gest. 1999 (2.v.r.) und Bruder Isle (vorne)

 

Ruth Breschinsky
Die polnischen Großeltern Breschinsky

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