Ein jüdischer Arzt als Pionier in Erez Israel – Dr. Moshe Wallach aus Köln gründet das Shaare Zedek Hospital in Jerusalem

von Hans-Dieter Arntz
14.02.2008
Inhalt

1. Dr. Moshe (Moritz) Wallach, Gründer des Sha'are Zedek Hospitals in Jerusalem
2. Aus der Genealogie der Euskirchener Familie Wallach
3. Erez Israel: Historische Voraussetzungen im 19. Jahrhundert
4. Zur Historie des Sha'are Zedek Hospitals in Jerusalem
5. Die Pionierleistung von Dr. Moshe (Moritz) Wallach
6. Verwandte Wallach folgten nach Erez Israel
7. Anmerkungen zur Ehrung des Ehrenbürgers von Jerusalem - Ihre Väter stammten aus Euskirchen


 1. Dr. Moshe (Moritz) Wallach, Gründer des Sha'are Zedek Hospitals in Jerusalem

Als sich im Frühjahr des Jahres 1984 eine Reisegruppe aus Euskirchen-Flamersheim für eine Woche in Jerusalem aufhielt, wies der arabische Reiseführer auf das jüdische Sha'are Zedek Krankenhaus (Sha'are Zedek) hin und resümierte sehr objektiv, dass dieses wohl das traditionsreichste Krankenhaus des Nahen Ostens mit ausgezeichneter Reputation wäre. Damals wusste wahrscheinlich keiner, dass der verdienstvolle Gründer dieser Institution ein gewisser Moritz Wallach (1866-1957) war, dessen Vater aus Euskirchen stammte. Die Lebensleistung seines Sohnes, des berühmt gewordenen Dr. Moshe (Moritz) Wallach, weist diesen als eine herausragende Persönlichkeit des deutschen Judentums und als einen medizinischen Pionier des damaligen Palästina und heutigen Staates Israel aus.

 

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Dr. Moshe (Moritz) Wallach
Archiv Shaare Zedec Medical Center Jerusalem

Immer schon, so auch im19. Jahrhundert hatte die Region - Palästina, Erez Israel oder Heiliges Land -  eine besondere geschichtliche und religiöse Bedeutung für den Islam, das Judentum und das Christentum. Der aus Köln stammende Moritz Wallach bewies jedoch schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, dass eine religiöse Einstellung mit der ethischen Verpflichtung eines Arztes durchaus vereinbar ist. Mit der Gründung des inzwischen 106 Jahre alten Shaare Zadek Krankenhauses - auf Deutsch: „Tore der Gerechtigkeit“-, schuf er eine Institution, die bis in die Gegenwart hinein als hoch qualifiziert gilt.

Das heutige Sha'are Zedek Medical Center ist ein religiös nach jüdischer Tradition und Gesetzen geführtes Krankenhaus. Das bedeutet beispielsweise, dass an Shabbat (beginnt Freitag abends und endet Samstag abends) und allen jüdischen Feiertagen nur eingeschränkt gearbeitet wird und der Sonntag ein ganz normaler Arbeitstag ist. Man sieht viele traditionell gekleidete Patienten und einige religiöse Ärzte. In den Ärzteteams sind alle möglichen Nationalitäten vertreten,  viele kamen im vorletzten Jahrzehnt aus der ehemaligen UdSSR; aber es sind auch viele Amerikaner, Kanadier usw. hier tätig. Die gebürtigen Israelis sind nach Angaben eines interviewten Arztes fast in der Unterzahl. Das Krankenhaus ist assoziiert mit der Ben Gurion University of the Negev in Beer Sheva. Es hat 500 Betten und 10 Etagen, von denen drei sich unter der Erde befinden, so dass die OP-Säle und der Emergency Room auch bei militärischen Angriffen funktionieren können.

Wenn auch das Leo Baeck Institute in Jerusalem über eine Schrift mit dem Titel Dr. Mosche Wallach - Arzt im Sha'are Zedek Hospital verfügt (Nr.783),so ist doch in der deutschen Literatur wenig über den Kölner Mediziner zu finden. Erst Gerd Friedt machte im Gemeindeblatt der Kölner Synagogengemeinde (Nr.2/95, S.17)vor 13 Jahren auf den Gründer des Krankenhauses aufmerksam, an den im Foyer in Jerusalem eine kleine Ausstellung  erinnert. Auch eine Briefmarke gibt es inzwischen.

2.  Aus der Genealogie der Euskirchener Familie Wallach

Die Familie Wallach ist zuerst in Hülchrath nachweisbar, bis dann 1788 Moses Wallach nach Euskirchen umzog. Das Buch JUDAICA (S.42-154) von Hans-Dieter Arntz enthält einige Passagen, die darüber Aufschluss geben, wie engagiert die jüdischen Familien Wallach in das soziale Leben eingebettet waren. Unter den 125 jüdischen Soldaten aus dem Rheinland, die an den Napoleonischen Feldzügen 1813-1815 teilnehmen mussten, war mit Simon Wallach ein Familienmitglied. Im Jahre 1848 standen Verwandte in den Reihen der Euskirchener Bürgerwehr. Später gehörten Angehörige zur Repräsentanz der Synagogengemeinde und zu speziellen städtischen Kommissionen. Sehr prominent war Andreas Wallach, der als Vorsteher am 30. November 1886 die Urkunde zur Grundsteinlegung der neuen Synagoge unterzeichnete. Simon Wallach war sogar der Begründer der Euskirchener Tuchindustrie, die bis zum 1. Weltkrieg Stoffe in insgesamt 28 Länder exportierte.

Joseph Wallach (1841-1921), der Vater des später berühmten Dr. Moritz (Moshe) Wallach, stammte  ebenfalls aus Euskirchen und war als Tuchhändler Inhaber der Firma Wallach & Marx. Mit 22 Jahren heirate er 1863 Marianne Levy aus Münstereifel, mit der er dann nach Köln umzog. Er zählte zu den Mitbegründern der Kölner Austrittsgemeinde Adass Jeschurun, die als sehr orthodox galt und deren Präsident er später wurde.

In der Domstadt kam Moritz (Moshe) Wallach im Jahre 1866 zur Welt. Er studierte in Berlin und Würzburg Medizin, wo er bei Hofrat Prof. Dr. Rindskopf mit der Arbeit Zur Lehre des Melanosarkoms promovierte. Gerd Friedt betont in seinem Aufsatz Ein Kölner Jude als medizinischer Pionier in Erez Israel, dass sich die Liebe zu diesem Land in seiner Mitgliedschaft bei den Chibbat Zion, den Zionsfreunden, ausdrückte. Bereits 1890/91 wanderte daher der junge Mediziner nach Palästina aus.

Wenn auch nur wenige Juden in der Voreifel daran interessiert waren, vor dem 1.Weltkrieg auszuwandern oder gar Pionierarbeit in Palästina zu leisten, so unterstützte man doch den inzwischen in Köln lebenden Glaubensbruder und dessen zionistische Idee. Es ist nicht auszuschließen, dass Moshe Wallach auch von seinen in Euskirchen lebenden Verwandten diesbezüglich beeinflusst wurde. Sein Onkel, der Metzgermeister Moses Wallach (1847- 1929), soll ihn in dieser Hinsicht ermutigt haben. Ein Freund der Euskirchener Familie, Andreas Schweizer, gehörte seit 1909 dem ESRA an, einem neutralen Verein zur Unterstützung Ackerbau treibender Juden in Palästina. Sogar der Hilfsverein der deutschen Juden, der Auswanderer nach Erez Israel und die Schulen im Orient betreute, hatte in der Euskirchener Synagogengemeinde zahlreiche prominente Mitglieder, zu denen auch die Verwandten Andreas und David Wallach zählten. Umgekehrt könnte auch vermutet werden, dass wegen der segensreichen Tätigkeit von Dr. Moshe Wallach die Euskirchener Juden eher bereit waren, die jüdische Aufbauarbeit in Palästina finanziell zu unterstützen. Korrespondenzen oder andere Belege hierfür sind aber heute nicht mehr vorhanden.

3. Erez Israel: Historische Voraussetzungen im 19. Jahrhundert

Die Situation in Palästina und Jerusalem war damals in keiner Hinsicht überschaubar. Schon seit Jahrzehnten misstrauten die Türken dem immer stärker werdenden Eindringen und Einfluss durch ausländische Religionsgemeinschaften. Prof. Alex Carmel beschreibt diese Situation sehr präzise in seinen beiden Bänden Palästina-Chronik 1853-1914 (Vaas-Verlag, Langenau-Ulm 1978/1983).

Demzufolge gab es Mitte des 19. Jahrhunderts wegen der Heiligen Stätten Spannungen zwischen den Katholiken und den Griechisch-Orthodoxen, was sich  zu einer gefährlichen Krise zuspitzte. Die jeweiligen Schutzmächte Frankreich und Russland drohten dem machtlosen türkischen Sultan mit Krieg. Aus der französisch-russischen Umklammerung, einer ziemlich hoffnungslosen Lage, kam der Sultan wie durch ein Wunder frei. Dank England und Frank­reich, die zu seiner Hilfe eilten und die russische Flotte im Schwarzen Meer samt ihrer Basis in Sewastopol vernichteten, gelang es den Türken, bei der Friedenskonferenz von Paris zwischen den Siegern Platz zu nehmen. Kein Mensch, einschließlich des Sultans, machte sich Illusionen darüber, dass seine von nun an gestattete Teilnahme am angesehenen europäischen Kon­zert rechtmäßig war, sondern vielmehr ihm zu Gefallen geschah.

Um seine neue fragwürdige Stellung zu rechtfertigen und möglichst zu sichern, verkündigte Abdul-Medschid einige Wochen vor der Pariser Friedenskonferenz, die das Ende des Krimkrieges besiegelte, den Hatti Hümayun vom Februar 1856.

Dieser Erlass bestätigte und erweiterte die Rechte aller Nicht-Muslims im Türkenreich. Neue Reformen wurden angekündigt. Weitere Erlaubnisse nach diesem wichtigen Erlass werden auch 35 Jahre später Dr. Moshe Wallach ermutigt haben, philanthropisch in Erez Israel tätig zu werden. 

Jetzt flossen riesige Geldbeträge aus aller Welt in das Heilige Land. Wo früher Missionsarbeit praktisch unmöglich war, drängten sich in immer größerer Zahl Vertreter von kirchlichen Orden, Sekten, Vereinen und dergleichen mehr. Alex Carmel konstatiert: „Nirgendwo sonst auf der Welt hatte es je so viele Missionare auf so engem Raum gegeben wie damals in Jerusalem!“

 

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Aus: Alex Carmel, Palästina-Chronik 1883-1914, Armin Vaas Verlag in Langenau-Ulm 1983, S.269.

4. Zur Historie des Sha'are Zedek Hospitals in Jerusalem

Dieser Vorgang der Wiederbelebung des Landes mithilfe der Fremden erstreckte sich auf Jahrzehnte. Die medizinische Versorgung hielt wohl kaum mit dem Wachstum der religiösen Motivation Schritt. Hier sah der 26jährige Dr. Moritz (Moshe) Wallach eine Herausforderung. 1891 ging er nach  Jerusalem. Als dann kurz vor der Jahrhundertwende die Bevölkerung unter Malaria, Unterernährung, Diphtherie und anderen Krankheiten litt und kaum Besserung zu erwarten war, beschloss  das deutsche Comitee zur Unterstützung der Juden in Palästina, das in Frankfurt am Main gegründet worden war, ein Hospital in Jerusalem zu errichten. Dank seiner zehnjährigen Erfahrung vor Ort und seiner medizinischen Kompetenz wurde ihm die Leitung des neu erbauten Krankenhauses angetragen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sich schon durch seine strikten medizinischen Maßnahmen hervorgetan. Er machte auf dem Eselsrücken Hausbesuche und verschrieb sogar Milch und spezielle Lebensmittel als geeignete Medizin. Gerd Friedt ergänzt in seinem Aufsatz  Ein Kölner Jude als medizinischer Pionier in Erez Israel:

Hier, in der Altstadt von Jerusalem, eröffnete er eine kleine Klinik. Danach arbeitete der junge Dr. Wallach im Bikur Cholim Hospital, einem der drei jüdischen Krankenhäuser, die damals in Jerusalem existierten. Hier übte er seine Tätigkeit als Frauen-, Kinder- und Augenarzt sowie als Chirurg (Spezialgebiet Halsoperationen) aus. Außerdem war er als `Mohel´ tätig, der viele Kinder bei der Aufnahme in den Bund beschnitten hat.
Der heute in Köln tätige Professor Yizhak Ahren bestätigte dem Autor am 10. Februar 2008, dass er wohl einer der letzten Knaben gewesen sei, der von Dr. Wallach beschnitten worden sei.

Seiner Heimatstadt Köln blieb der beschäftigte Arzt weiterhin verbunden, was durch etliche Besuche belegt ist. Bei der Amtseinführung von Rabbiner Dr. David Carlebach im Jahre 1929 (5689) finden wir zum Beispiel Dr. Moshe Wallach unter den zahlreich er­schienenen Ehrengästen. Das war auch in demselben Jahr, als sein naher Verwandter in Euskirchen, Moses Wallach (1847-1929), starb.

Dr. Moshe Wallach, ein aus dem Rheinland stammender orthodoxer Jude, berufen zur praktizierten Nächstenliebe und in seiner Lebensleistung vielleicht mit einem Albert Schweitzer vergleichbar, verblieb an der Stelle, die er sich ausgesucht hatte. Dass er auch für den heutigen Staat Israel noch Vorbild und von Bedeutung ist, erkennt man an der Tatsache, dass auch das Außenministerium ihn und sein Sha`are Zedek Hospital  im Internet präsentiert. Die bereits erwähnte Autorin Lili Eylon fasst unter der Überschrift  Sha'arei Tzedek (Gates of Righteousness) auch dessen Entwicklung zum modernen Sha'are Zedek Medical Center in Jerusalem zusammen. Die Entwicklung in der Zeit  von 1902 bis heute war stürmisch und hatte sich besonders den politischen Gegebenheiten anzupassen: Während des 1.Weltkrieges musste zum Beispiel auf eigene Kosten ein Kuhstahl für 40 Kühe gebaut werden, weil es im Krankenhaus an Milch mangelte. Und als im Jahre 1917 der britische Major Shea, der damals die 60. Division kommandierte, die Kapitulation der türkischen Armee in Jerusalem annahm, fand diese Zeremonie in den Gärten des Sha'are Zedek Hospitals statt. Jahrelang standen die Tore für jedermann offen, das heißt, es wurden keineswegs nur Juden behandelt. Besonders Scharlachepidemien, Meningitis und Typhus wurden bekämpft, obwohl der Krankenhausbetrieb häufig durch Unruhen und Massaker stark beeinträchtigt wurde.

Während des Unabhängigkeitskrieges - als Jerusalem belagert und von der Umwelt völlig abgeschnitten war -, nahm das Sha'arei Tzedek Hospital täglich 60 bis 80 neue Patienten auf. Am ersten Tag des Sechstagekrieges im Jahre 1967 wurden täglich bis zu 150 Patienten in einem unterirdischen Operationssaal ununterbrochen operiert. Obwohl das Krankenhaus mehrere Treffer erhielt, wurde kein Patient getroffen.

Im Laufe der Jahre entsprach das alte Krankenhaus nicht mehr den modernen Anforderungen und kurz nach 1978 fand der Umzug in größere Räumlichkeiten mit besseren Kapazitäten in der Bayit Vergan Nachbarschaft statt. Das Sha`are Zedek Hospital, das im Jahre 1902 nur über 21 Betten verfügte, hatte nun Platz für etwa 525 Patienten und wesentlich moderne medizinisch-technische Voraussetzungen. Das alte Sha'arei Tzedek Building auf der Jaffa Road stand nun für etwa 20 Jahre völlig leer und verfiel. Unter Berücksichtigung des architektonischen und auch historischen Wertes wurde es dann doch restauriert, so dass zumindest die Fassade an die Historie des Gebäudes erinnert.

5. Die Pionierleistung von Dr. Moshe (Moritz) Wallach

Der in München lebende Forscher Gerd Friedt, der selber 10 Jahre lang in Israel gearbeitet und sich mit der Geschichte des Sha'are Zedek Krankenhauses befasst hat, fährt in seinem Bericht fort:

Es war das Ziel von Dr. Moshe Wallach, ein modernes Krankenhaus außerhalb der alten Stadtmauern Jerusalems zu errichten. Mit Spenden aus Frankfurt/am Main und Amsterdam kaufte er Land außerhalb der Stadt, welches an der Jaffastraße gelegen war, und gründete ein modernes Krankenhaus. Der Baubeginn war 1897, und 1902 (zu Kaiser Wilhelms Geburtstag am 27.01.1902) eröffne­te man dieses Krankenhaus. Es trug den Na­men `Sha'are Zedek´ (Tore der Gerechtigkeit), war jedoch als Wallach-Krankenhaus bekannt. Bis 1947 war er Direktor dieses Krankenhau­ses, welches seine unverkennbar orthodoxe Handschrift aufwies. Er schuf hier eine bedeu­tende Abteilung für Infektionskrankheiten, mit einer damals in Palästina unüblichen Isolierstation, und schuf u.a. die Grundlagen für eine bis heute gültige Milchhygiene in Israel. Neben dem Spital baute er eine land­wirtschaftliche Wirtschaft auf, um den Bedarf des Krankenhauses an Milch, Gemüse, Eiern usw. zu gewährleisten. Eigene Wasserzisternen wurden angelegt, um von der städtischen Wasserversorgung unabhängig zu sein. Er gründete eine eigene Schwesternschule, die zeitig für einen gut ausgebildeten Nachwuchs sorgte.

Im Lehrplan stand in Wallachs typischer Diktion: Unterricht in den religiö­sen Geboten und Verboten. In diesem Zusammenhang sei auch an die Mitarbeiterin Selma, seine Oberschwester, erinnert, die 1916 aus Deutschland kam – auf dem Höhepunkt einer Typhusepidemie – und 1936 die  Shaare Zedek's School gründete und seitdem leitete. Insofern konnte das medizinische Personal fachgerecht für das Zedek Krankenhaus herangebildet werden. An dieser Stelle sollte angemerkt werden, dass die zierliche Oberschwester selber ihre Ausbildung am Heinrich-Heine-Hospital in Hamburg erhalten hatte. Anfangs war sie die einzige Krankenschwester, die eine fachspezifische Berufsausbildung vorweisen konnte.

Bis 1984 übte sie ihren Dienst gewissenhaft aus. Für denjenigen, der einen Bericht über Dr. Moshe Wallach und sie in Hebrew lesen möchte, sollte den Beitrag von Orit Navot lesen: Dr. Moritz Wallach - A Century of Medicine and Tradition in Sha'are Zedek (Harefuah, Vol. 142 [6] June 2003.

Als die verdienstvolle „Schwester Selma“ 1984 an ihrem 100. Geburtstag starb, soll sie nach Angabe der Historikerin Lili Eylon von dem Time Magazine als „lebende Heilige“ und „einem Engel ähnlich“ bezeichnet worden sein. Ihre aus 18 Seiten bestehende Autobiographie My Life and Experiences at Sha'are Zedek (1973) stellt ganz besondere Augenblicke und Ereignisse während ihrer gesamten Tätigkeit dar. Einige Fotos illustrieren ihre verlässliche Tätigkeit als „Rechte Hand“ von Dr. Wallach.

Die Einweihung des Sha`arei Tzedek Hospital am 27. Januar 1902 war nicht nur für den jungen Direktor Dr. Moshe Wallach ein großes Ereignis, sondern auch für die Stadt Jerusalem. Zu den Ehrengästen zählten Jawad Pasha in seiner Funktion als türkische Gouverneur der Stadt Jerusalem, der deutsche Konsul Dr. Schmidt, der Askenasi-Rabbiner Salant und der Sephardi-Oberrabbiner Haham Bashi Eliashar. Die Rabbiner schlossen in die Gebete auch den Sultan und den Kaiser laut in ihre Gebete ein.

Für 45 Jahre stellte das Sha'are Zedek Hospital nicht nur für  Dr. Moshe Wallach den Arbeitsplatz, sondern auch seinen Wohnort und seine „Heimat“ dar. Die Bevölkerung identifizierte den Mediziner derart mit seinem Krankenhaus, dass die immer größer werdende Institution von der Bevölkerung nur noch „das WALLACH“ bezeichnet wurde. Es stand anfangs an der Jaffa Road, auf einem etwa „two-and-a-half acre“ Grundstück. Von hier aus hatte es etwa 20 Minuten gedauert, um auf einem Esel in die Altstadt von Jerusalem zu reiten, wo vor Jahrzehnten die meisten Patienten lebten. In ihrem englischsprachigen Online-Bericht beschreibt Lili Eylon, wie die Kranken aber auch auf Karren, „per Kamel oder Esel“, nicht nur aus Jerusalem selber, sondern aus allen Teilen des Landes zu dem Krankenhaus „Wallach“ gebracht wurden. Das war jetzt vorbei. Das neue, moderne Sha'are Zedek Medical Center ist eines der modernsten Krankenhäuser im Nahen Osten.

 

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Dr. Moshe (Moritz) Wallach
(Archiv Shaare Zedec Medical Center Jerusalem)

6. Verwandte Wallach folgten nach Erez Israel

Es lässt sich nicht bestreiten, dass die Geschichte des Krankenhauses eng mit der von Jerusalem verbunden ist; dasselbe gilt für gewisse Zeiten auch umgekehrt.

Dr. Moshe Wallach war ein Vor- und Leitbild. Seinen Spuren folgten viele, beruflich, aber auch aus anderen Gründen. In diesem Zusammenhang sollen auch einige Anverwandte Wallach genannt werden, von denen viele rechtszeitig aus dem nationalsozialistisch gewordenen Deutschen Reich flohen und in Palästina, in Erez Israel, eine neue Heimat fanden. Zu ihnen zählte zum Beispiel Ruth Wallach, die Nichte von Dr. Moshe Wallach. Ihr Lebenslauf gibt ein solches Schicksal wieder: geb. 1911 in Düsseldorf, Vater Fabrikdirektor in Augsburg. Ruths Eltern waren Simon Wallach (geb. 1880 in Köln) und Hedwig (geb. 1875 in Braunschweig). Simon war Direktor von verschiedenen Maschinenfabriken. Ruth hatte einen jüngeren Bruder, Rolf (geb. 1916). Sie heiratete den Augsburger Eugen Grünhut (geb. 1909). (Eugen war ein Neffe von Adele Mendelsohn, geb. Grünhut, der Mutter von Fanny Mendelsohn). Das Ehepaar bekam eine Tochter. Ruths Onkel war Moritz Wallach, der berühmt gewordene Dr. Moshe Wallach.

Auch Ruth und ihr Ehemann flohen 1936 nach Palästina. Ruths Eltern zogen 1932 nach Mannheim. Auch sie wanderten 1936 nach Palästina aus. Simon starb 1950 in Jerusalem, Hedwig 1960 in Haifa. Ruths Bruder Rolf emigrierte ebenfalls nach Palästina. Er kehrte mit Ehefrau und zwei Söhnen 1956 nach Deutschland zurück, wo er 1990 starb. Ruth Grünhut, geb. Wallach, verstarb vor 2006 in Haifa.

Die Angehörigen der Familie Wallach sind zahlreich. Der Schreiber dieser Zeilen lernte im Jahre 1985 in Deutschland einen weiteren Wallach-Angehörigen kennen, der im Staate Israel bekannt wurde. Es handelte sich um Dr. phil. Simon Wallach, den Begründer der Knessetbibliothek von Jerusalem. Er baute diese Institution des Parlamentes auf und verstarb im Jahre 2007 in Mönchengladbach. Ihn wollte ich noch zu einer Wiedersehensfeier mit ehemals in Euskirchen beheimateten jüdischen Mitbürgern und deren Anverwandten einladen. Seine Töchter und deren Familien leben heute noch in Israel.

Poli­tisch stand Dr. Moshe (Moritz) Wallach der radikalen Orthodoxie und lehnte Hebräisch als Umgangssprache des Alltags ab. Bis zum Aufkommen des Nationalsozialismus benutzte er Deutsch für seine Korrespondenzen und ging dann zum Hebräischen in Raschischrift über.

7. Anmerkungen zur Ehrung des Ehrenbürgers von Jerusalem - Ihre Väter stammten aus Euskirchen

Die Stadt Jerusalem bedankte sich bei Dr. Moshe Wallach (1866-1957) mit der Verleihung des Titels „Yakir Yerushalayim" (Ehrenbürger von Jerusalem). Die medizinische Fakultät der Hebräischen Universität in Jerusalem verlieh ihm zu seinem neunzigsten Geburtstag die erste Ehren­doktorwürde, die dort vergeben wurde. Zu derselben Zeit fungierte an dieser Hebrew University Prof. Dr. Evenari (1904-1989) als Vizepräsident, und man kann davon ausgehen, dass er die Ehrung des aus dem Rheinland stammenden Glaubensbruders durch seine Hochschule sicher auch befürwortet hat. Und jetzt bekommt der Artikel auf dieser regionalhistorischen Homepage einen wirklich heimatspezifischen Aspekt: Der Vater von Prof. Evenari stammte ebenso aus der Kreisstadt Euskirchen wie der Vater von Dr. Moshe Wallach. Hier treffen sich die Zweige einer lokalen Genealogie, zumal feststeht, dass sich die beiden jüdischen Männer  früher persönlich gekannt haben.

Kurz nach seinem neunzigsten Geburtstag, einen Tag vor seiner Ernen­nung zum Ehrenbürger Jerusalems, verstarb der Gründer des Sha'are Zedek Krankenhauses 1957 in Jerusalem. Mit ihm ging eine Epoche zu Ende. Gerd Friedt zitiert in seinem Artikel den Nach­ruf von Dr. R. Michaelis, Jerusalem, im Mitteilungsblatt Nr. 19 des Irgun Oley Merkas Europa (Vereinigung der europäischen Einwanderer) vom 10. Mai 1957:

Als originelle uneigennützige Persönlichkeit von makellosem Charakter, als hochgeschätzter Arzt wird Dr. Moshe Wallach bei allen denen, die den Vorzug hatten, ihn zu kennen, in unvergesslicher Erinnerung bleiben.

LINK

link Michael Evenari, ein jüdischer Botaniker  von Weltruf

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